Leo Pruimboom im Sport/Fußball Magazin

Dienstag 4-Oktober-2016

Leo Pruimboom, Professor für klinische Psycho-Neuro-Immunologie, beklagt, dass es im Profi-Fußball bisher nur wenig weiterführende Forschung zum fußballspielenden Menschen als Ganzes gibt. „Dabei gibt es in anderen Sportarten schon ganze Berge von neuen Erkenntnissen.“ 

 

Die natürliche Scheu vor Veränderung zeigt sich besonders im Fußball

Manche Aktivitäten sind für alle Menschen gleich wichtig, weltweit. Auf der ganzen Welt essen die Menschen, schlafen die Menschen, trinken die Menschen, reden die Menschen und ... spielen Fußball. Mit einem Ball aus Leder, aus Stroh, aus Lumpen oder – wenn es gar nichts anders geht – mit einer leeren Coladose. Es scheint, als ob dem Menschen das Fußballspielen in die Wiege gelegt ist und er gar nicht anders kann, als Spaß dabei zu haben.

Auch beim Profi-Fußball erleben wir immer wieder genau diesen Spaß, der zum Fußball einfach dazugehört und der die Millionen von Zuschauern auf den Rängen und vor dem Bildschirm miteinander verbindet. Daher ist es seltsam, wenn nicht gar unbegreiflich, dass es im Zusammenhang mit dem Profi-Fußball bisher so wenig weiterführende Forschungen zu etwas so Wichtigem wie dem Menschen als Ganzes gibt.

Natürlich gibt es Studien zur Leistung, Verletzungsanfälligkeit, Ernährung, Technik und vielen anderen isolierten Parametern. Diese Daten sind zwar interessant, aber für sich genommen nur von relativ geringem Wert.

Daten zu isolierten Parametern sind zwar interessant, aber für sich genommen nur von relativ geringem Wert.

Waran das liegt? Möglicherweise an mangelndem Innovationsbedarf oder sogar einer gewissen Jobangst. Das hängt mit einer tief in der Natur des Menschen verwurzelten Scheu vor Veränderung zusammen, die offenbar im Fußball besonders stark zutage tritt. Während wir also auf einen echten wissenschaftlichen Durchbruch im Fußball warten, häufen sich in anderen Sportarten geradezu die „Entdeckungen“. So wissen wir schon seit langem, dass:

-        die Temperatur des Darms (und damit des Gehirns) sehr weitreichend für Leistung und Verletzungsanfälligkeit bei Marathonläufern verantwortlich ist;

-        erhöhte Blutglucosespiegel die Geschwindigkeit des Sportlers verringern;

-        eine kohlenhydratreiche Ernährung nach einer intensiven Belastung die Dauer von Entzündungen um den Faktor zwei verlängert;

-        die wichtigste Ursache für Konzentrationsverlust ein Mangel an Glucose im Gehirn ist.

Die Hauptursache für Konzentrationsverlust ist Glucosemangel im Gehirn.

Vor allem der letztere Faktor ist im Fußball von großer Bedeutung.

Die endgültige Entscheidung fällt meist erst gegen Ende des Wettkampfs. Das klingt in den Statements der Trainer dann oft so: „Durch unkonzentriertes Spiel der Verteidigung haben wir in den letzten zwanzig Minuten beim Spielaufbau Schwächen gezeigt und müssen von jetzt an noch härter trainieren.“

Man fragt sich: Warum lässt bei Fußballern gegen Spielende so oft die Konzentration nach?

Machen die das mit Absicht? Weil sie keine Lust mehr haben? Um den Trainer zu ärgern?

Was wäre, wenn dieser Konzentrationsverlust von einer unzureichenden Glucosezufuhr zum Gehirn verursacht würde?

-        Dann könnten verschiedene Faktoren dafür verantwortlich sein:

-        eine suboptimale Ernährung;

-        ein falscher Tagesrhythmus;

-        eine mentale Stressintoleranz;

-        oder sogar eine versteckte chronische Aktivität des Immunsystems, die große Mengen an Glucose verbraucht.

In diesem Fall geht es nicht nur um eine Verbesserung der Leistung, sondern auch um Prävention von Verletzungen, Beschleunigung von Heilungsprozessen, Verbesserung der Stresstoleranz und viele weitere Parameter, die darüber entscheiden, ob ein Fußballer erfolgreich agiert oder nicht.

Durch psychische Belastungen kann der Energiebedarf des Gehirns so ansteigen, dass die Muskeln unzureichend mit Energie versorgt werden und dadurch anfälliger für Verletzungen sind.

Durch psychische Belastungen kann der Energiebedarf des Gehirns so ansteigen, dass unter anderem auch die Muskeln nicht mit genügend Energie versorgt werden und dadurch anfälliger für Verletzungen sind.

Nehmen wir einmal den besten Fußballer aller Zeiten, der bis März 2013 anscheinend so gut wie völlig immun gegen Verletzungen war. Nach dem März 2013 änderte sich das mit einem Schlag, genau wie sein Leben: Er bekam Nachwuchs und das machte den unbekümmerten Fußballer plötzlich zum besorgten Familienvater. Aber derselbe Fußballer hat auch bewiesen, dass sich nach einiger Zeit (fast zwei Jahre) eine neue psychische Stresstoleranz entwickeln kann, die Energie wieder optimal verteilt wird und sich das Leistungsniveau wieder regeneriert.

Leidet ein Fußballer am non-permissive brain syndrome, äußert sich dies in Konzentrations- und Koordinationstörungen, Anfälligkeit für Entzündungen, Wundheilungsstörungen und emotionalem Kontrollverlust.

Stellen Sie sich nun vor, was geschieht, wenn ein Spitzenfußballer nicht nur unter psychischem Stress steht, sondern auch noch durch ein Immunsystem belastet ist, das pausenlos aktiviert ist, und dessen überhöhter Energieverbrauch auf Kosten des Bewegungsapparates geht. Dann kann die Stressbelastung so weit zunehmen, dass das Muskelgewebe geschädigt wird. Dies führt natürlich zu Verletzungen der Muskeln (und anderer Teile des Bewegungsapparates einschließlich der Bänder), Leistungseinbußen und sogar zu dem, was ich in einer wichtigen Publikation als non-permissive brain syndrome bezeichnet habe. Menschen, die an diesem Syndrom leiden, zeigen unter anderem die folgenden Symptome:

-        schnell nachlassende Konzentration;

-        beeinträchtigte Koordination;

-        Entzündungsanfälligkeit;

-        verzögerte Wundheilung (Beispiel: der berühmte Tennisspieler, der nach jeder Verletzung drei bis sechs Monate braucht, um die Verletzung wieder völlig auszuheilen);

-        emotionaler Kontrollverlust (wegen Rempelns die rote Karte bekommen).

Diese Merkmale beschreiben recht gut ein Team, das in den letzten 20 Minuten nicht mehr imstande ist, die vereinbarte Spielstrategie durchzuhalten, bei dem in der Spielmitte ohne erkennbaren Grund ein Muskelriss auftritt, das einen Torhüter hat, der sich einen unglaublichen Schnitzer leistet und einen Stürmer, der einem gegnerischen Spieler in die Schulter beißt.

„Bei einigen Fußballern liegt die Betazellenaktivität im Pankreas bei 199 Prozent der normalen Aktivität.“

Ein Forscherteam führt zurzeit unter meiner Leitung eine prospektive psycho-neuro-immunologische Studie zur diesem Thema im Fußball durch. Die ersten Daten, die wir bei Teams in England, Deutschland und Spanien gesammelt haben, sind äußerst vielversprechend. Sie zeigen unter anderem, dass rund dreißig Prozent der Spieler an Prädiabetes leiden. Bei einigen Spielern liegt die Betazellenaktivität im Pankreas bei 199 Prozent der normalen Aktivität.

Klinische Psycho-Neuro-Immunologie (kPNI) ist die Wissenschaft, die das Gehirn, das Immunsystem und alle andere Systeme über ein nachvollziehbares Modell miteinander verbindet. Die einzigen drei autonomen Systeme, die in der Lage sind, völlige Kontrolle über alle anderen Organe und Systeme zu übernehmen, sind das Gehirn, das Immunsystem und das Stoffwechselsystem. Ein Modell, das auf der Energieverteilung bei Top-Fußballern basiert, ermöglicht es, die Risiken für den Einzelnen und das Team präziser vorherzubestimmen. Dazu kann die kPNI den Schlüssel liefern. Ja, sie könnte sogar imstande sein, die Landschaft im Fußball grundlegend zu verändern.

Interview von Christian Vandenabeele

 

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